04 Arbeitswelt & Führen

Pavarotti war auch 2. Wahl

Artikelbild Pavarotti war auch 2.Wahl

Pavarotti war auch 2. Wahl

„Wir melden uns“, sagte die Personalverantwortliche lächelnd und drückte mir fest die Hand. Der Chef zwinkerte mir wohlwollend zu – zumindest meinte ich das zu sehen.

Ich verließ den Raum, humpelte den Gang entlang und hoffte, sie sahen mir nicht hinterher. Nach meinem Schlaganfall zog ich mein linkes Bein nach.

Die Aufzugtüren schlossen sich hinter mir und ich grinste in den Spiegel. Das Gespräch hätte nicht besser laufen können. Ich fühlte mich schon als neuer Mitarbeiter dieser Bundesbehörde.

Alle würden sehen:
Auch mit einer Schwerbehinderung kann man weiterkommen. Beruflich Fuß fassen. Ziele verwirklichen.

Bis ich die Absage im Briefkasten fand.

„Man beurteilt mich nicht nach meinen Fähigkeiten, sondern nur nach meinen Einschränkungen“, erzählte ich im Freundeskreis und alle nickten.

Warum hatten sie mich überhaupt herbestellt und mir umsonst Hoffnung gemacht?

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Im öffentlichen Dienst hat man die gesetzliche Verpflichtung, mich als schwerbehinderten Bewerber zum Vorstellungsgespräch einzuladen.

Ich war nicht „engere Auswahl“. Ich war „Pflicht“.

Aber:

Andere kamen gar nicht erst so weit.

Ich hatte zumindest die Chance, mich persönlich zu präsentieren. Und konnte lernen, mit jedem Mal besser zu werden. So schrieb ich weiter meine Behörden-Bewerbungen. Trotz aller Absagen.

Mir war klar: Ich würde wohl nie die erste Wahl sein.
Aber man musste mich einladen.

Und irgendwann bekäme ich meine Chance – so wie einst Luciano Pavarotti.

Der Bäckersohn aus Modena sprang einst im Londoner Covent Garden für den berühmten Guiseppe Di Stefano in der Oper „La Bohème“ ein. Dieser hatte wegen einer Stauballergie stimmliche Probleme. Pavarotti begeisterte das Publikum – und seine Karriere nahm einen bedeutenden Aufschwung.

Eines Tages kam auch mein Pavarotti-Moment:

Die Wunschbewerberin hatte anderweitig zugesagt. Niemand Besseres stand zur Verfügung. Auf der anderen Seite bestand die Bereitschaft, sich auf einen Bewerber „außerhalb der Norm“ wie mich einzulassen.

Und ich war bereit.

Heute arbeite ich bei einer Bundesbehörde. Natürlich ohne den Glanz und Glitter eines Opernhauses.

Aber diese Behörde wurde zu „meinem Haus“.

Mit Blick auf meine Erfahrungen – auch die heutigen in der Rolle des Gesamtschwerbehindertenvertreters – wünsche ich mir von Personalverantwortlichen vor allem eines: Offenheit.

Wenn Sie eigentlich auf einen wie Guiseppe Di Stefano warten – und dann kommt da „irgend so ein Pavarotti“:

Stehen Sie nicht auf und gehen. Hören Sie ihm zu.

Das könnte dir auch gefallen

Artikelbild Hauptsache gesund?
„Hauptsache gesund“ hätte ihre Mutter gesagt, wenn sie einen Jungen bekommen hätte. Aber sie hielt nach einer komplikationslosen Schwangerschaft ein Mädchen im Arm. Geboren mit Trisomie 21. „Du hast dir doch schon immer ein Mädchen gewünscht“, sagte ihre Mutter zu ihr, als ...
Hier weiterlesen
Artikelbild Manchmal gibt es Wichtigeres als WLAN
„Mein Koffer ist gepackt“, schrieb mir eine Bekannte. „Morgen fahre ich ins Waldschlösschen. Ich reise zu Donnerstag bis 12 Uhr an.“ „Du Glückliche!“, schrieb ich nur kurz zurück. Mein nächster Urlaub war erst für Juli geplant - und in Berlin regnete es schon wieder. Ich sa...
Hier weiterlesen