Nur eine Frage
Nur eine Frage
„Was würden Mitarbeitende mit einer Beeinträchtigung über Sie erzählen, wenn Sie nicht im Raum wären?“
Das Einstellungsgespräch läuft bis hierhin gut, sehr gut sogar.
Der Bewerber sitzt aufrecht am Tisch.
Die üblichen Fragen sind längst durch:
„Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?“
„Wie gehen Sie mit Konflikten um?“
„Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitenden?“
Dann ist der Schwerbehindertenvertreter mit seiner Frage dran.
Der Bewerber schaut auf und sein rhetorisches Florett bleibt in der Luft stecken.
„Wie meinen Sie das?“
„Genau so, wie ich es frage. Was würden Mitarbeitende über Sie erzählen?“
Und plötzlich passiert etwas Interessantes.
Der Bewerber, der seit einer Stunde jede Frage mit beeindruckender Routine beantwortet, kommt ins Schwitzen. Nicht, weil die Frage besonders kompliziert wäre. Sondern weil sie sich nicht so gut auswendig lernen lässt.
Was trainiert man für die Frage:
„Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie jemanden für weniger leistungsfähig gehalten haben als er tatsächlich war – und was hat Ihre Einschätzung verändert?“
Oder:
„Haben Sie schon einmal bemerkt, dass jemand in Ihrem Team nicht wirklich dazugehört – und was haben Sie dann getan?“
Als Schwerbehindertenvertreter mag ich solche Momente, weil sie die Atmosphäre verändern. Vorbereitete Antworten funktionieren nicht mehr. Plötzlich wird aus einem Interview ein echtes Gespräch.
Vielleicht beginnt Veränderung genau so. Mit einer Frage, die zunächst irritiert und dann nicht mehr so leicht aus dem Raum verschwindet.
Wie wäre es, wenn Unternehmen bei jedem Einstellungsgespräch für Führungspositionen eine solche Frage stellen würden?
Nur eine.