Mein bester Teilhabe-Trainer
Mein bester Teilhabe-Trainer
Mit vier Jahren kämpfte ich das erste Mal bewusst um Teilhabe. Mein härtester Gegner – und zugleich mein strengster Lehrmeister war mein großer Bruder.
Einmal halfen wir alle im Garten beim Abriss eines alten Hühnerstalls. Dort sollte eine Garage hin. Alle standen in einer Reihe und Stein für Stein reichten wir die Trümmer zum Container weiter. Ich war stolz, dabei zu sein. Bis ich einen schweren Stein fallen ließ. Ausgerechnet auf den Fuß meines Bruders. Er schrie und machte eine große Show daraus.
Ich wurde sofort nach drinnen geschickt.
Doch ich wollte weiter mitmachen. Ich protestierte so lange lautstark, bis ich wieder Teil des Teams war.
Mein großer Bruder blieb mein bester und gemeinster Teilhabe-Trainer. Er perfektionierte seine Methoden über die Jahre hinweg, um mich auszuschließen und ich entwickelte ungeahnte Kräfte und Tricks, um meinen Platz trotzdem zu behaupten.
Jahre später, nach meinem Schlaganfall mit 29 Jahren, wurden diese Lernmomente wieder relevant für mich.
Ich war plötzlich schwerbehindert. Und stand in der Arbeitswelt wieder in dieser hinteren Reihe.
Ich hatte alle Voraussetzungen, um mitzugestalten. Und wurde trotzdem oft unterschätzt und aussortiert.
Wer mit Behinderung beruflich teilhaben will, braucht vor allem eine Qualifikation, für die es keinen Studiengang gibt: Sich nicht zurückdrängen zu lassen.
Es gibt sie überall, „die großen Brüder und Schwestern“, die sagen:
„Du?“
„Du darfst hier nicht mitmachen.“
Noch immer erfüllen viele Unternehmen in Deutschland die gesetzliche Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte nicht. Strukturelle Inklusion bleibt noch zu häufig ein guter Vorsatz.
Strukturen lassen sich verändern, wenn man Inklusion nicht als Extra denkt, sondern als Grundkonstruktion.
Damals, bei uns im Garten, wurde aus einem alten Hühnerstall eine Garage. Etwas Neues, Stabiles, mit Fundament. Heute macht es mich stolz, an Arbeitswelten mitzubauen, die niemanden ausklammern.
Dabei hilft mir das, was mein großer Bruder mich gelehrt hat: Wer mitmachen will, muss manchmal lauter sein, als der Rest.