Die Lizenz zum Leben
Die Lizenz zum Leben
Sieben Mal am Tag nachladen. Keine Patronen, sondern Pillen. Das ist mein Leben – seit meinem Schlaganfall mit 29 Jahren.
Macht 2.555 Tabletten pro Jahr.
Kürzlich habe ich mir eine silberne Pillendose gekauft. Ich trage sie in meiner Hosentasche, immer griffbereit.
Wenn das Licht darauf fällt, spiegelt sich die Welt im Deckel: der Himmel, das kalte Licht der Neonröhren im Wartezimmer, das helle Blau meines Monitors im Bundespresseamt oder die gelben Hängeleuchten im Coffeeshop.
Im Inneren der Dose liegt das Gegenteil von Glanz – weiße und bunte Tabletten, die man mir auf Lebenszeit verordnet hat.
Das Schicksal und das Schöne sind nicht nur Gegensätze in Ausnahmesituationen. Sie koexistieren wie selbstverständlich im Alltag – beides zusammen passt in meine Hosentasche.
Die Dose macht aus dem Schweren kein Leichtes, aber immerhin etwas Würdiges.
Meine Frau lacht über die Dose: „Das ist doch was für alte Opas“.
Mag sein.
Aber ich mag meine Dose und öffne sie immer mit einem lässigen „Klack“. Wie ein Revolverheld, der sein Magazin lädt.
Die Pillen sind meine Munition. Nicht für einen Showdown in der Wüste, sondern für den nächsten Arbeitstag, den nächsten Termin,
das nächste Meeting.
Der Revolver liegt vor mir auf dem Bürotisch, silbrig schimmernd.
Meine Mission hat keinen komplizierten Codenamen.
Sie heißt einfach „Leben“.