Zwei Blinde an der Ampel
Zwei Blinde an der Ampel
Ich habe es getan. Ich habe eine Behinderte beleidigt.
Nieselregen im herbstlichen Berlin. Autokolonnen fahren vorbei und der Schlamm spritzt hoch. Ich ziehe die Kapuze tiefer ins Gesicht. Neben mir stehen Menschen, die so rau sind, wie der nasse Asphalt. In einem stillen Bündnis: Wir haben’s eilig, jeder für sich.
Rotzigkeit ist hier kein Makel, sondern Währung.
„Ist die Ampel rot?“ fragte eine Frau neben mir.
„Das sieht doch ein Blinder“, fauche ich zurück, ohne aufzusehen.
„Entschuldigung“, sagt sie emotionslos. „Ich bin blind.“
Ich Esel.
Später, allein beim Abendbrot in ihrer Wohnung, wird sie denken: Wie unfreundlich die Menschen in Berlin doch sind, wie diskriminierend.
Was sie nicht weiß:
Neben ihr stand ein Typ mit einer Gehbehinderung. Einer, der bei Grün sofort loshumpelt – und wenn er auf der Mitte der Straße ankommt, springt die Ampel schon wieder auf Rot.
Vielleicht hätte die Blinde sich besser gefühlt, wenn sie gewusst hätte:
Das war ich. Ein Behinderter, dem eine „erheblich beeinträchtigte Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr“ attestiert wurde. Einzig und allein mit dem Gedanken beschäftigt, ob er es noch rechtzeitig über die Straße schaffen würde.
Sie sah die Ampel nicht.
Ich sah ihren Blindenstock nicht.
Wir sind alle blind. Nur unterschiedlich.
Abends sitzt irgendwo jemand mit Plastiktüte und Bierflasche vor einer Dönerbude, schaut in den Himmel und denkt:
Und in diesem Satz liegt alles: Trotz, Müdigkeit, Hoffnung – und die leise Ahnung, dass es schlimmere Orte gibt, um nicht gesehen zu werden.