03 Worte & Kommunizieren

Worte wie ein Rettungsring

Artikelbild Worte wie ein Rettungsring

Worte wie ein Rettungsring

Kurz nach meinem Schlaganfall fragte ich mich nicht nur: „Wie überlebe ich das?“ Sondern auch: „Wie überleben meine Eltern in Berlin?“

Sie waren mit zwei Koffern aus ihrem kleinen Dorf im Harz angereist. Und zogen noch am ersten Tag bei mir ein – in mein WG-Zimmer. Sie teilten sich mein Bett, kauften eine pinke Rutschmatte für die Dusche und fragten jedes Mal „Wer ist da?“, wenn meine Mitbewohner Gunnar und Matthias zu Nachtzeiten nach Hause kamen.

„In deine Küche setzen wir keinen Fuß“, sagten meine Eltern zu mir. Dort stapelten sich die Geschirrberge. Also gingen sie jeden Morgen zum Bäcker frühstücken.

Aber die WG-Küche war nur der Anfang.

Als sie eines Morgens den Aufzug nach unten nehmen wollten, lag darin noch Gunnar, der seinen Rausch ausschlief. In der U-Bahn begegneten sie einem Mann ohne Schuhe, der mit den Zehen eine Ukulele spielte. Am Checkpoint Charlie hatten sie sich von einer Gruppe Hütchenspieler übers Ohr hauen lassen.

Und ich?

Lag in der Klinik und machte mir fast mehr Sorgen um meine Eltern – als um mich selbst. Sie hatten nun einen 29-jährigen Sohn mit einer Schwerbehinderung.

Ich konnte nicht sprechen und mich nicht bewegen. So war ich gezwungen, mir alle ihre Berichte in Dauerschleife anzuhören. Über Wochen erlebte ich mein Berlin durch die Brille meiner Eltern.

Dann sagte ein Pfleger einen Satz zu mir, der alles veränderte:
„Du darfst dich selbst an die erste Stelle setzen – gerade jetzt.“

Er wusste besser als niemand sonst: Selbstfürsorge ist überlebenswichtig, wenn uns das Leben plötzlich aus der Bahn wirft.

In diesem Moment wurde es still in meinem Kopf.
Ich dachte nicht mehr an die unaufgeräumte WG-Küche.
Nicht an den schlafenden Gunnar im Aufzug.
Nicht an die Verrückten in der Berliner U-Bahn.
Nicht an die Hütchenspieler.
Noch nicht mal an den nächsten Tag.
Ich dachte nur an diesen Satz.

Er begleitet mich auch noch, als es mir wieder besser ging und ich Monate später in meine WG zurückzog.

Dort warteten schon Gunnar und Matthias mit ihren Geschichten:

Über meine Eltern.

Zum Glück war ich nicht mehr ans Bett gefesselt. Ich stand mitten in ihren Erzählungen auf und humpelte in die WG-Küche – den Abwasch machen.

„Ich darf mich selbst an die erste Stelle setzen – gerade jetzt.“

Wie ein Rettungsring tanzte dieser Satz über die schillernden Spülschaumberge.

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