Im Bett mit Frida Kahlo
Im Bett mit Frida Kahlo
Es gibt diesen Mythos vom aufrechten Gang: Nur wer steht und marschiert kann die Welt bewegen. Frida Kahlo hat das widerlegt – im Liegen.
Ein Großteil ihres Lebens spielte sich im Bett ab.
Schmerzen waren ihr ständiger Begleiter. Nach einem Busunfall blieb ihr Körper ein Konstrukt aus Schienen, Gipskorsetten und Narben.
Während andere das Bett als Symbol von Krankheit und Stillstand sahen, machte Kahlo es zur Wiege ihrer Kunst. Dafür ließ sie sich einen Spiegel an die Zimmerdecke hängen. Darin blickte sie auf ihr Gesicht, ihren Körper, ihre Verletzlichkeit. In unzähligen Selbstporträts malte sie sich zurück ins Leben.
Sie zeigte: Brüche sind nicht immer das Ende. Manchmal sind sie ein Anfang.
Ich kenne das.
Mit 29 war ich nach meinem Schlaganfall ans Klinikbett gefesselt. Ein Arzt kam ins Zimmer und sagte beiläufig:
„Herr Herrmann, Sie werden gelähmt bleiben. Suchen Sie sich schon mal jemanden, der Sie wäscht und anzieht.“
Ich lag da wie aufgebahrt.
Plötzlich sah ich oben an der Decke Frida in ihrem Spiegel.
Sie schaute mich an und lachte laut auf:
„Gelähmt bleiben? Nein.“
Entgegen der Prognosen lernte ich in den kommenden Monaten und Jahren wieder gehen.
Frida Kahlo half mir mit ihrem Vermächtnis dabei. Es ist ein trotziges „Nein“ zur Endgültigkeit. Eine Weigerung, sich auf die eigenen Defizite reduzieren zu lassen.
Die Werke der berühmten Künstlerin hängen heute in Museen, zieren Kalender, werden millionenfach reproduziert. Dass sie den Großteil davon im Bett erschaffen hat, ändert nichts – oder gerade alles. Sie hat nicht gewartet, bis sie wieder „funktionierte“. Sie hatte weitergemacht, während andere sie schon abgeschrieben hatten.
Manchmal liegt die größte Kraft nicht im Aufstehen, sondern darin, im Liegen neu anzufangen.