Die Killerfrage und das Gegengift
Die Killerfrage und das Gegengift
„Warum ich?“ Diese Frage zermürbte mich. Mit einem Hirnstamminfarkt war ich als Notfall eingeliefert worden. Die folgende Lungenentzündung überlebte ich nur knapp.
Regungslos lag ich im Klinikbett und machte mich selbst fertig. Mein Leben fing doch gerade erst richtig an.
Dabei hatte man mir eine schöne Zukunft prophezeit:
Als Kind schlich ich mich einst auf einem Volksfest in das Zelt einer Wahrsagerin.
Sie fächerte eine Reihe verdeckter Karten auf.
Ich zog vier Mal das Kleeblatt.
„Das ist mir noch nie passiert“, sagte die Dame mit rauer Nikotin-Stimme und zog ihre schwarz geschminkten Augenbrauen hoch bis zum Haaransatz. Ihre breiten, goldenen Ohrringe blitzten.
„Junge, du wirst viel Glück haben in deinem Leben.“
Heute bin ich froh, dass ich kein Kreuz gezogen habe, oft die „schwerste“ Karte im Deck – symbolisch für die Last, die man im Leben zu tragen hat.
Und dass die Wahrsagerin nicht zu mir sagte:
„Ich sehe, dir werden schlechte Dinge passieren. Mit 29 Jahren wirst du aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erleiden. Du wirst gekündigt werden. Deine Freundin wird nie zu dir in die Klinik kommen. Dein Herz wird gebrochen werden. Ich kann nicht sehen, ob du es schaffen wirst.“
Die Kartenleserin verschonte mich, das Kind, vom Schmerz des Lebens.
Auch als Erwachsene vergessen wir gerne:
Dieser Schmerz ist kein „Fehler im System“. Er gehört zum Menschsein dazu. Das Leben ist lebensgefährlich. Das habe ich damals drastisch zu spüren bekommen.
Heute weiß ich:
Der schlimmste Killer nach solch einem Einschnitt ist die Frage „Warum ich“?
Jene Frage, die wir uns stellen, wenn wir diesen Schmerz, das was uns passiert, persönlich nehmen.
Ich sah die Menschen mit ihren leeren Blicken auf den Gängen. Die Angehörigen im Café, die ihre Gabeln in Sahnetorten stachen, um der Schwere des Lebens zumindest einen süßen Moment entgegenzusetzen. Blumen, die in den Krankenzimmern dahinwelkten. Pflegekräfte, die auf der Terrasse hastig rauchten, um dann zurückzukehren in den unerbittlichen Wettlauf gegen die Zeit, die Zweifel der Menschen und den Tod.
So viele kämpfen einen stillen Kampf.
Wenn wir nur um unser eigenes Elend kreisen, sehen wir uns schnell als Mittelpunkt des Universums und denken, dass alles, was uns passiert, gegen uns gerichtet ist.
Es tat mir gut, mir selbst klarzumachen: Die Welt dreht sich nicht nur um mich.
Wenn uns so eine Sache trifft, wie sie mir passiert ist: Dann müssen wir resistenter gegen die Frage „Warum ich?“ werden als der resistenteste Krankenhauskeim.
„Warum ich?“ ist wie Gift im Denken.
Aber:
Es gibt ein Gegengift.
Es ist die Frage:
„Wozu?“
Damit nutzen wir den Schmerz für uns. Für mehr innere Kraft und Demut.
Als ich wieder selbstständig essen konnte, schob man mich ins Klinik-Café.
Ein Stück vom Kuchen war noch in der Vitrine. Ein kleines Kleeblatt aus Zucker lag darauf.
Der Kuchen schmeckt süß.
Meine Bitterkeit war verschwunden.