Die gute und die böse Treppe
Die gute und die böse Treppe
Seit ich meine Gehbehinderung habe, sehe ich viele Dinge anders als früher. Zum Beispiel Treppen.
Auf einer Party treffe ich kürzlich einen alten Schulfreund wieder. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Er ist Architekt geworden. Erfolgreich, wie es scheint. Seine schlanken Hände erzählen von Projekten, Linien und Flächen.
Wir reden über das Leben, den Job. Dann über Barrierefreiheit.
„Soll uns Architekten jetzt auch noch das Treppenbauen verboten werden?“, fragt er. Und dann erklärt er mir, warum Treppen wichtig sind: gestalterisch, funktional, aus Gründen des Brandschutzes, der Normen, der Fluchtwege.
Und vielleicht hat er recht.
Man sagt sogar, sie seien lebensverlängernd. Bewegung im Alltag, kleine Trainingseinheiten zwischen Erdgeschoss und Büro.
Die gute Treppe.
In meinem Alltag begegnet mir oft eine andere.
Die Treppe als Hindernis, als Barriere für viele Menschen.
Die böse Treppe.
Der Abend schreitet voran. Die Gläser sind leerer geworden, die Stimmen lauter. Irgendwann ist es spät. Der Raum füllt sich mit Lachen und Erinnerungen. Mein Schulfreund hat eindeutig ein paar Gläser zu viel getrunken. Er wankt in den Flur. Fünfter Stock, sanierter Altbau. Dann bleibt er stehen, schaut sich um und fragt mit ehrlicher Irritation:
„Gibt’s hier eigentlich keinen Aufzug?“
Ich begleite ihn nach unten. Untergehakt, eine Hand fest am Geländer. Die Treppe fühlt sich plötzlich anders an. Nicht schön. Nicht gesund. Sondern wie ein Risiko.
Ein paar Tage später gehe ich an einem großen Werbeplakat der AOK vorbei: „Entdecke die heilende Kraft der Steine. Nimm die Treppe.“
Ich bleibe stehen, lese die Worte.
Und denke an meinen Schulfreund und an mich.
Nichts ist wohl heilsamer als die eigene Erfahrung.