Der Mann auf dem Cover
Der Mann auf dem Cover
„Das musst du lesen“, sagte mein Bekannter und zwinkerte mir aufmunternd zu. „Der Mann auf dem Cover konnte später sogar wieder joggen.“
Die Leute legten mir Bücher auf den Nachttisch in der Rehaklinik, als ob es Rettungsboote wären: Biografien von anderen Schlaganfall-Betroffenen.
Wie Gewichte zogen sie mich noch tiefer herunter.
Ich wollte das alles nicht. Gestern war ich noch ein junger Anwalt, der von einem politischen Empfang zum nächsten tingelte. Jetzt lag ich gelähmt neben diesem Bücherstapel und spürte den Druck, selbst ein Held inmitten einer Tragödie zu sein und andere zu inspirieren.
Das war der eigentliche Horror.
Nicht meine plötzliche Schwerbehinderung mit nur 29 Jahren. Nicht die Reha, in der ich alles neu lernen musste. Sondern die plötzliche Ahnung, dass das hier meine neue Kategorie sein sollte:
Ein Mensch, der tapfer in die Kamera guckte, während darunter in fetten Buchstaben so etwas stand wie:
„Als ich zurück ins Leben fand.“
Irgendwann kam meine Physiotherapeutin ins Zimmer. Sie nahm die Bücher eins nach dem anderen schweigend in die Hand und räumte sie einfach weg. Dies war vermutlich die klügste therapeutische Maßnahme während meiner gesamten Reha.
Wieso sollte ich „zurück ins Leben“?
Ich war doch am Leben – und damit im Leben, in meinem eigenen. Und nicht in dem von außen erwarteten, verordneten, angepriesenen.
Der Mann auf dem Cover hatte mich Tag und Nacht verfolgt in seinen Joggingschuhen. Ich hörte seine Schritte überall.
Aber ab diesem Tag gab er auf.
Endlich Ruhe im Zimmer.
Ich drehte mich zur Seite und blickte auf den leeren Nachttisch neben meinem Bett. Er war mit hellem Furnier beschichtet, und an einer Ecke löste sich die Kante ab. Daneben lag ich und atmete.
Das musste verdammt noch mal reichen.