Das war Rache
Das war Rache
Eine Kollegin wartete und hielt mir die Tür auf. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich mich bedanken oder ärgern sollte.
Seit meinem Schlaganfall habe ich eine Gehbehinderung. Und wirke auf den ersten Blick automatisch irgendwie hilfsbedürftig. Ein Stigma, das mir vorauseilt.
Meine Kollegin sah mir an, dass ich irritiert war. Der Gang war lang und ich hatte mich genötigt gefühlt, schneller zu laufen.
„Das war Rache“, sagte sie und blinzelte mir zu.
Ich musste lachen.
Vor ein paar Tagen hatte ich ihr auf einem Empfang die Tür aufgehalten. Sie hatte mich angesehen, als hätte ich ihr gerade ungefragt den Mantel übergezogen. Sie mochte das nicht.
Meine Frau mag es, wenn ich ihr die Tür aufhalte und runzelt die Stirne, wenn ich es vergesse.
Vor ein paar Tagen war ich auf dem Weg ins Einkaufszentrum. Vor mir stand eine ältere Frau mit Rollator vor einer schweren Glastür.
Mein erster Impuls war, ihr zu helfen. Mein zweiter war: Lass sie in Ruhe, bloß nicht bevormunden. Mein dritter war schon peinlich:
Ich nahm reflexhaft die automatische Türe daneben. Sie öffnete sich sirrend. Ich ging hindurch, blieb stehen und schämte mich.
Also drehte ich um, ging zurück und hielt der Dame die Tür von innen auf.
Sie sah mich an.
Und löste die Bremse am Rollator.
Ich wartete.
Vielleicht würde sie sich bedanken.
Vielleicht würde sie mich anfahren.
Vielleicht würde sie sagen, dass sie das doch noch selbst könne, „junger Mann“.
Stattdessen sagte sie: „Na endlich.“
Das mit den Türen ist kompliziert geworden. Dieselbe Geste kann Höflichkeit sein. Herablassung, Liebe oder blanker Pragmatismus.
Diese Dame wollte keine Debatte.
Sie wollte einfach nur ins Einkaufszentrum.
„Danke!“, rief ich ihr noch hinterher. Ich wusste selber nicht, warum.