Das bin ich einfach nicht
Das bin ich einfach nicht
„Behindertsein ist kein Verdienst.“ Das schrieb mir kürzlich eine Leserin, als trüge ich meine Einschränkung wie einen Orden auf der Brust.
Ihre Feststellung möchte ich nicht bestreiten – und dennoch greift sie zu kurz.
Ich erinnere mich an eine Reise durch die USA: In der Haupthalle der prächtigen Union Station in Washington vermischt sich das Summen der Kofferrollen auf den glatten Fliesen mit dem typischen Grundrauschen aus Stimmen und Durchsagen. Langsam laufe ich vorwärts, jeden Schritt setze ich bewusst. Ich bin nicht viel älter als 30, aber seit meinem Schlaganfall ziehe ich das linke Bein nach.
In Deutschland kenne ich die Reaktionen darauf: Man schaut geradeaus, macht Platz wie für ein Hindernis und beschleunigt den Schritt, um die eigene Irritation hinter sich zu lassen.
Doch dort, unter den hohen, kassettierten Decken der Union Station, geschieht etwas anderes. Die Menschen organisieren den Raum für mich neu. Sie bilden ein flüchtiges Spalier. Man wirft mir kurze, respektvolle Blicke zu, ein Einordnen ohne das übliche Starren.
Und dann, immer wieder, dieser eine Satz:
„Thank you, sir.“
Ich bleibe stehen, mitten im Strom der Reisenden und zwischen den römischen Legionärsstatuen, die in diesem Licht fast lebendig wirken.
Wofür dankte man mir?
Ich hatte nichts getan, außer alle aufzuhalten.
Erst später begriff ich:
Für die Menschen in Washington war ich nicht der „Behinderte“. In ihrer Logik war ich ein Heimkehrer, ein Veteran. Jemand, der Schlachten geschlagen hatte und nun gezeichnet zurückgekehrt war – und dem man mit einer fast rituellen Dankbarkeit begegnete.
Für ein paar Minuten war ich ein Held.
Immer wieder mache ich diese Erfahrung:
Wie ich zuerst wahrgenommen werde, hat meistens wenig mit mir selbst zu tun. Eine Beeinträchtigung ist allzu oft der Ausgangspunkt für Gedanken, die sich andere über uns machen, bevor wir selbst überhaupt ein Wort gesagt haben.
Manchmal heißt so eine Geschichte: „Behindertsein ist kein Verdienst“, manchmal heißt sie: „Thank you, sir“.
Beides sind allerdings nicht meine Geschichten.
Deshalb habe ich mir vorgenommen, hier meine eigene zu erzählen.
Danke für die Erinnerung daran, Ma’am.