Wenn die Rolltreppe rückwärts rollt
Wenn die Rolltreppe rückwärts rollt
Vor einiger Zeit am Berliner Hauptbahnhof. Eine Rolltreppe entscheidet sich, dem Zeitgeist zu widersprechen. Sie rast rückwärts. 42 von 54 Treppen sind nun außer Betrieb, sicherheitshalber.
Am Montag dann: Streik. Alle Berliner U-Bahnen stehen still.
Die Hauptstadt, sonst Meisterin der gleichzeitigen Beschleunigung,
übt sich in Geduld.
Am Dienstag stehe ich an der Station Bayerischer Platz auf der Mittelinsel, umgeben vom Autoverkehr. Unter meinen Füßen verlaufen Noppenplatten. Jene taktilen Leitlinien, die sehbehinderte Menschen zielsicher zum Aufzug führen sollen. Doch jetzt überdecken Eis und Schnee alles.
Am Mittwoch gehe ich die Grunewaldstraße entlang. Ein älteres Ehepaar kommt mir entgegen und ich weiche auf die Straße aus.
Die beiden schimpfen über den vielen Split auf den Wegen. Das knirschende Geräusch beim Gehen werde von ihren Hörgeräten unangenehm verstärkt.
So wechseln die Perspektiven.
Was für die einen Sicherheit bedeutet, wird für die anderen zur Zumutung. Was heute noch Orientierung gibt, verschwindet morgen unter einer Eisschicht. Was uns nach oben bringen soll, fährt plötzlich rückwärts.
Barrieren werden beseitigt, ja. Aber sie kommen, Chamäleons gleich, in immer neuer, subtilerer Gestalt zurück.
Auf einer vereisten Fläche auf dem Weg zur Arbeit rutsche ich aus. Mein Zähneknirschen bleibt – hoffentlich – ungehört von jenen,
deren akustische Welt durch das Streugut ohnehin schon aus den Fugen geraten ist.
Dennoch gehe ich weiter. Einfach, weil Stillstand auch mit einer Gehbehinderung keine Option ist.
Auch nicht im Berliner Winter.