Warten auf den Kuss
Warten auf den Kuss
Bei meiner Hochzeit hatte der Fotograf Filmverbot. Nicht, weil wir eine geheime Zeremonie wollten, sondern weil mein linkes Bein nach dem Schlaganfall nicht mehr so will, wie ich. Ich humpele.
Vom Hochzeitstanz gibt es deshalb keine bewegten Bilder – nur Standbilder.
Eingefangene Momentaufnahmen, die Szenen zeigen, aber das Dazwischen nicht erzählen: Das Stolpern, das Lachen, das Auf-der-Stelle-Treten, das Weitermachen.
Manchmal fühlt sich auch das Thema Inklusion so an:
Wie ein modernes Dornröschen-Märchen.
Wie 100 Jahre Stillstand.
Wie eine Welt, die in einen tiefen Schlaf gefallen ist.
Alles ist wie gebannt. Selbst das Feuer im Kamin, das eigentlich für Leidenschaft und Wandel steht, scheint eingefroren. Dabei sind die Ideen da, viele Gesetze geschrieben, die Konzepte erstellt.
Vielleicht warten wir – wie im Märchen – auf einen Prinzen, der den Bann bricht.
Aber was, wenn der Kuss diesmal von uns kommen muss?
Von denen, die handeln, wo andere verharren.
Von denen, die sich trauen, mit ihrem Anderssein, ihrer Geschichte zu bewegen.
Inklusion will wachgeküsst werden.
Wie Dornröschen in einem schlafenden Schloss.