Nothing about us without us
Nothing about us without us
„Alter, wieso hast du Gehstock?“
In der Turmstraße in Berlin-Moabit laufen den ganzen Tag Menschen unterschiedlichster Herkunft aneinander vorbei, oft ohne ein einziges Wort zu wechseln.
Mein Gegenüber ist ungefähr 30 Jahre alt – so wie ich damals. Er, der leichtfüßig wie ein Panther ist, wirkt wirklich betroffen und zeigt ehrliches Interesse.
Ein paar Monate vorher trug ich noch ein Krankenhaushemd und war gerade wieder aus dem künstlichen Koma erwacht. Die Menschen an meinem Bett wussten nicht, als wer ich wieder aufwachen würde. Ich erinnerte mich, vor dem Schlaganfall eine Freundin gehabt zu haben, deren Wohnung ich renovierte, aber sie selbst wollte sich nicht daran erinnern.
Der Unbekannte passt sich meinem Tempo an und kommentiert jeden Satz:
„Krass!“
„Pass auf dich auf“, rufe ich ihm hinterher, als er mit geschmeidigen Schritten hinter der nächsten Straßenecke verschwindet und komme mir vor, wie seine Mutter. Wie oft hat sie es ihm wohl schon gesagt und er hat mit jugendlicher Leichtigkeit darüber hinweg gelächelt.
Ich laufe die Straße weiter entlang und das Klacken meines Stocks ist wie eine auf den Asphalt getrommelte Hymne an das Leben.
Wir sollten alle mutiger sein.
Als Vertrauensperson für die Belange behinderter Menschen im Bundespresseamt ist die häufigste Frage, die man mir stellt, diese: „Darf ich meine Kolleginnen und Kollegen auf ihre Behinderung ansprechen oder nicht?“
Der junge Mann in der Turmstraße hat es einfach gemacht. Er hatte keine Hemmungen, direkt nachzufragen.
Mit dieser persönlichen Erfahrung möchte ich dazu ermutigen, überhaupt miteinander in den Austausch zu kommen. Dabei müssen wir nicht immer hundertprozentig korrekt kommunizieren oder agieren. Was darf man sagen? Was lieber nicht? Diese Unsicherheit resultiert meist aus Angst vor Fehlern und dem Wunsch, nicht zu verletzen.
Dabei tut Sprachlosigkeit am meisten weh.
Sie trifft härter als vielleicht ein falsches Wort.