Hauptsache gesund?
Hauptsache gesund?
„Hauptsache gesund“ hätte ihre Mutter gesagt, wenn sie einen Jungen bekommen hätte. Aber sie hielt nach einer komplikationslosen Schwangerschaft ein Mädchen im Arm.
Geboren mit Trisomie 21.
„Du hast dir doch schon immer ein Mädchen gewünscht“, sagte ihre Mutter zu ihr, als sie direkt nach der Geburt telefonierten. „Jetzt hast du ein Mädchen“.
„Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg“, sagte ihr Mann.
Einige Wochen später sagte meine Bekannte fast entschuldigend zu mir: „Wir freuen uns jetzt trotzdem“.
Sie lebten ein Leben wie aus dem Prospekt. Er, erfolgreicher Unternehmensberater, sie, eine gefragte Innenarchitektin mit einem Blick für Ästhetik und Trends. Das frisch sanierte Loft in bester Citylage war lichtdurchflutet, stilvoll möbliert, die hohen Wände in dezenten Sandtönen gehalten. In der bereits aufgebauten Wickelkommode lagen pastellfarbene Strampler in weißen Schubladen. Oma und Opa hatten den Kinderwagen geschenkt – nachhaltig produziert, mit handgenähtem Inlay.
Alles war vorbereitet. Alles war perfekt – bis zur Geburt der behinderten Tochter.
Natürlich wünschen wir uns und unseren Liebsten Gesundheit. Niemand will krank oder behindert sein. Das „Hauptsache gesund“ ist ehrlich und gut gemeint. Aber wenn wir es zum Maßstab für ein glückliches, lebenswertes Leben erheben, öffnen wir – ungewollt – die Tür zur Ausgrenzung.
Wie wichtig ist es, dass alle „Hauptsache gesund“ sind?
Was sagt dieser Spruch über all jene aus, die nicht gesund sind – chronisch krank, behindert, alt oder einfach nicht mehr „voll funktionsfähig“ im klassischen Sinne?
Ist ihr Leben deshalb weniger lebenswert? Weniger erfüllend?
Besonders Eltern von Kindern mit Behinderung erleben es häufig: das Mitleid, die gut gemeinten Ratschläge – und manchmal auch die stille (oder offene) Annahme, dass sie sich ihr Glück nur schönreden, um „die Last“ zu verdrängen.
Ich selbst hatte in jungen Jahren einen Schlaganfall. Seitdem muss ich mit meiner Behinderung klarkommen. Und ja, es gab Phasen, in denen ich dachte: „Das war’s“.
Heute lebe ich mein Leben.
Anders als geplant. Aber nicht weniger glücklich.
Und die Familie aus dem Loft?
Dort sieht es inzwischen so aus:
Die Espressomaschine wurde seit Wochen nicht mehr entkalkt, weil niemand die Zeit dafür gefunden hat. Die Küchenzeile blitzt nicht mehr. Vor der Waschmaschine türmt sich die Wäsche. Die raumhohen Fenster müssten dringend mal wieder geputzt werden. Auf dem Designer-Sofa liegt ein Spucktuch mit Bärchenmuster.
Nichts ist mehr perfekt.
Die Prioritäten haben sich verändert.
„Hauptsache mal wieder durchschlafen“, sagt die Mutter und streicht ihrer Tochter über den Kopf.
Das Baby lacht.
Manchmal ist das Glück dort, wo wir es am wenigsten vermuten.