Die Lektion von Ludwig II.
Die Lektion von Ludwig II.
Die Kunstlehrerin schaute mir über die Schulter, hielt mein Bild unter den Wasserhahn und rief: „Oh, das müssen wir retten!“ Mein gemaltes Schloss zerfloss, bevor es fertig war.
Jahre später stand ich vor Neuschwanstein und dachte an diesen Moment.
Es regnete, alles war nass und trüb. Und doch: Über den Felsen ein Schloss, so unwirklich als wäre es direkt aus einem Märchen gefallen. Türme ragten gen Himmel, Mauern hielten stand.
Als Ludwig II. davon sprach, belächelten und kritisierten ihn viele. Zu groß gedacht. Zu übertrieben. Zu teuer. Doch seine Vision wurde gebaut, Stein für Stein. Heute ist Neuschwanstein eines der berühmtesten Schlösser der Welt. Was damals als Träumerei galt, ist nach über 150 Jahren Weltkulturerbe.
Auch das Thema Inklusion wirkt manchmal wie ein Luftschloss.
Dabei entfaltet sich der volle Wert für alle erst über Generationen hinweg.
Alles Große beginnt mit einem soliden Fundament: Ewig lang sieht man nicht, was es einmal werden soll. Lärm, Staub und Erdbewegung prägen das Bild.
Unbeteiligte verwechseln diese frühe Bauphase oft mit Spinnerei.
Eines Tages zog Ludwig II. ein. Obwohl sein Schloss noch längst nicht fertig war und er nur wenige Räume bewohnen konnte.
Mein Schloss ist innerhalb von Sekunden im Abfluss verschwunden.
Neuschwanstein steht bis heute.