Das Gelbe vom Ei
Das Gelbe vom Ei
Mein Leben war nie das Gelbe vom Ei. Ich war nie der Beste in Mathe. Nie der Schnellste im Sportunterricht. Das schönste Mädchen der Klasse bekam immer ein anderer.
Ich war oft Zweiter oder Dritter. Ein Mitläufer mit solider Tendenz zum Mittelmaß. Nicht unglücklich – aber keiner, der hinter seinen Träumen her war.
Das war vor meinem Schlaganfall.
Danach war ich gefühlt nicht mal mehr Letzter. Als 29-jähriger Schwerbehinderter war ich „raus aus dem Rennen“ um die Liebe, die Karriere, den gesellschaftlichen Status.
Und genau da begann ich zu sortieren:
Was will ich wirklich?
Und was auf keinen Fall?
In meiner Küchenschublade liegt ein Eiertrenner. So ein kleines Gerät, welches das Eigelb sauber vom Eiweiß trennt. Früher war mein Leben wie ein aufgeschlagenes Ei ohne Trenner: alles vermischt, eine unspektakuläre Melange aus Erwartungen und Gewohnheiten.
Nach dem Stroke passierte etwas Seltsames:
Ich bekam den besten Job, den ich je hatte. Ich vernetzte mich mit Menschen, die mich wirklich interessierten. Ich heiratete eine Frau, die ich früher für „außer Reichweite“ gehalten hätte.
Nicht sofort, natürlich.
Die ersten Jahre passierte überhaupt nichts.
Gar nichts.
Weil ich mich dazu entschieden hatte, keine Kompromisse zu machen.
Auch nicht mit Behinderung.
Gerade nicht mit Behinderung.
Manche Freunde hielten das für naiv.
Andere für pathologische Realitätsverweigerung.
Man schaute ab und zu nach mir.
Abwechselnd schaufelten sie sich ein paar Stunden frei und besuchten mich an ihren kinderfreien Abenden in meiner Junggesellenwohnung, in der ich immer noch lebte, während sie längst ihre Einfamilienhäuser im Umland bezogen hatten. Sie sahen wohlwollend über meinen Stillstand hinweg und kehrten dann zurück in ihre Normalität, in der Kind Nr.2 sich ankündigte.
Mit Eigelb kann man vieles machen: Crème brûlée. Pasta Carbonara. Vanilleeis. Mayonnaise. Sauce Béarnaise.
Alles Dinge, die vielleicht nicht gerade für Vernunft stehen.
Aber für ein Leben, das satt macht. Und glücklich.