Warten auf Schnee von gestern
Warten auf Schnee von gestern
Jemand hat mir angesichts der aktuellen Weltenlage geraten, doch immer nur die Zeitung von gestern zu lesen. Aber das kann ich nicht, ich arbeite im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
Meine Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit und die Medien über die Arbeit der Bundesregierung zu informieren – und Politikerinnen und Politiker über die wichtigen aktuellen Nachrichten.
Warum wäre es von Vorteil, die Zeitung von gestern zu lesen?
Vielleicht darum: Die erste Emotion ist vorbei. Man kann etwas Abstand gewinnen, die Dinge einordnen.
Mein Schlaganfall als junger Mann ist jetzt 22 Jahre her.
Im Jahr 2003 brach alles über mich herein. Damals waren die Themen der Berichterstattung in Deutschland andere – doch fühlten sie sich ähnlich an:
Kriege.
Wirtschaftliche Unsicherheit.
Reformstau.
Ein Land im Umbruch.
Und mein Leben ebenso.
Heute kann ich mir, zumindest was meine eigene Geschichte betrifft, die Zeitung von gestern leisten.
Viele andere können das nicht.
Sie stecken gerade mittendrin:
in einer frischen Diagnose, einer Reha, einem gesundheitlichen Einschnitt, der täglich schlechte Nachrichten produziert. Nicht auf dem Papier. Sondern im eigenen Körper, im eigenen Alltag.
Vielleicht ist es nicht unsere Aufgabe, ihnen zu versichern, dass alles gut wird. Vielleicht ist es unsere Aufgabe, in dieser Phase einfach an ihrer Seite zu bleiben. Auszuhalten, dass sie die Zeitung von heute in den Händen halten. Und ihnen nicht zu verschweigen, dass selbst in dieser Zeitung immer auch eine gute Nachricht steckt:
Morgen ist alles Schnee von gestern.