01 Mein Leben danach

Tunnel graben ohne Hände

Inklusion in meine Geschichte: Tunnel graben ohne Hände

Tunnel graben ohne Hände

Das Einzige was ich wollte war, raus aus dieser Klinik zu kommen.
Blöderweise konnte ich mich nicht bewegen.

Nach meinem Schlaganfall war ich gelähmt.

Ich konnte nicht mehr aufstehen.

Nicht weglaufen.

Nicht einmal nach einer Türklinke greifen.

Und trotzdem plante ich meine Flucht.

Ich war erst 29.

Ich musste hier raus.

Es gab verschiedene Möglichkeiten:

Einen Tunnel graben. Schwierig, ohne funktionierende Hände.

Nachts durch einen Versorgungsgang verschwinden. Durchaus denkbar. Das Bett ließ sich problemlos rollen.

Bettlaken zusammenknoten und mich mit einem Helfer aus dem Fenster abseilen. Mein Plan A.

Dann kam der Pfleger.

Er öffnete die Tür, blieb kurz stehen und sah mich an.

Für einen Moment dachte ich: Jetzt.

Er hatte es verstanden.

Vielleicht war er Teil des Plans.

Vielleicht würde er die Infusion lösen, die in meinem Arm steckte.

Vielleicht würde er das Bett bis zum Fenster schieben.

Er ging zum Fenster.
Er schloss das Fenster.
Er zog den Vorhang zu.

Ich war enttäuscht aber noch hoffnungsvoll.

Vielleicht war das nur Tarnung.

Ein guter Agent kennt den Wert des richtigen Moments.

Heute weiß ich nicht mehr, ob ich geschlafen habe oder wach war. Wenn ein Tag wie der andere ist, verschwimmen die Dinge irgendwann.

Wochen später verließ ich die Klinik.

Mein Pfleger begleitete mich.

Wir sprachen nicht viel.

Wir gingen an der Rezeption vorbei. Durch die große Eingangshalle mit den Süßigkeitenautomaten. Direkt hinaus auf die Straße.

Niemand schien etwas zu bemerken.

Draußen, im benachbarten Café, hatten sich schon meine Verwandten postiert. Beschattet von einem großen roten Schirm und mit Sahnetorte auf dem Teller.

Neben den Tellern lagen Gabeln.

Stabile Gabeln.

Mit etwas Geduld hätte man damit vielleicht die Gitterstäbe eines Kellerfensters aufbiegen können.

Aber es war vorbei.

Ich war draußen.

Unter den Sonnenbrillen verbargen die Verwandten ihre Tränen.

Man kommt selten so schnell aus einer Krise heraus, wie man es gerne hätte. Aber man kommt wieder heraus.

Notfalls durch den Hauptausgang.

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