Mut zum Handtuch
Mut zum Handtuch
Ein BILD-Reporter kam in die Klinik, baute sein Stativ auf und rückte das Kissen hinter meinem Rücken zurecht. „Bleib genau so liegen“, sagte er zu mir, dem Gelähmten.
„Diese Story bringen wir groß raus“.
Noch im Klinikbett hatte ich als junger Schlaganfallpatient ein Einschreiben mit Rückschein erhalten. In vier Zeilen teilte mir meine damalige Chefin die „fristgerechte Kündigung“ mit.
Es klickte mehrmals. Der Reporter fluchte, als er seine schwere Ausrüstung wieder hinaustrug. Der Bericht erschien nie.
Der Schlaganfall hatte mich mit voller Wucht erwischt: Ich hatte gerade mein Zweites Juristisches Staatsexamen bestanden und meinen ersten Job angetreten. Nun lag ich am Boden, hörte den Gong und taumelte erneut in den Ring, als ein befreundeter Anwalt mich anrief:
„Wegen deiner Schwerbehinderung, da müssen wir klagen, Olaf. Das gewinnen wir! Dieses Unrecht schreit zum Himmel!“ Er legte eine Akte für meinen Arzthaftungsprozess an. Ich unterschrieb das Mandat, obwohl ich kaum einen Stift halten konnte. Die renommierte Kanzlei schickte einen unerfahrenen Anwalt zum Gerichtstermin. Er wirkte nervös, sprach leise, blätterte viel.
Ich verlor in der ersten Runde – K.o. in der ersten Instanz.
Ich nahm meine letzte Kraft zusammen und ging in Berufung. Nach einer jahrelangen Auseinandersetzung schloss ich einen Vergleich „ohne Anerkenntnis eines Fehlers“. Die zugesprochene Summe war angesichts der Schwere meiner Behinderung lächerlich. Hätte ich verloren, wäre ich nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell ruiniert gewesen.
Gutachten, Kostenrechnungen und Anwaltsschreiben prasselten auf mich ein wie Schläge. Meine Deckung fiel.
Nicht die Behinderung war auf einmal mein größtes Problem, sondern der ständige innere und äußere Druck, immer wieder in den Ring zu steigen.
Heute weiß ich:
Kein Gesetz und kein Geld der Welt können verlorene Gesundheit oder Lebenszeit ersetzen. Wenn wir am Boden liegen, rettet uns nicht die Empörung der anderen. Wer mit einem blauen Auge gegen übermächtige Gegner bestehen will, braucht einen Trainer in der Ecke, der nicht nur anfeuert, sondern auch sagt:
„Schluss jetzt. Genug für heute.“
Das Publikum liebt Comebacks. Aber keiner fragt, wie viel wir vorher schon eingesteckt haben – oder wie lange wir noch durchhalten.
Ich habe mehr Runden verloren, als mir lieb ist.
Gewonnen habe ich, als ich gelernt habe, nicht jede zu kämpfen.
Manchmal ist der mutigste Schritt, das Handtuch zu werfen.
Nicht als Verlierer.
Sondern als einer, der seine Kräfte bewahrt und der Empörung nicht mehr die Wange hinhält.