Mir folgt ein Taxi
Mir folgt ein Taxi
Neulich bekomme ich auf LinkedIn eine Benachrichtigung:
„Taxi Khaled folgt Ihnen.“
Ich bleibe kurz daran hängen und lächle.
„Willkommen, Kollege“, denke ich.
Mein Jurastudium fand nicht nur in Hörsälen statt, sondern auch auf den nächtlichen Straßen von Göttingen.
Ein Rhythmus aus Vorlesungen und Taxi-Schichten.
Lernen, fahren, schlafen – ein Perpetuum Mobile der Erschöpfung.
Die Stadt schlief schon.
Nur das regelmäßige Aufblitzen der Straßenlaternen
durchschnitt beim Vorbeifahren die Dunkelheit.
Ein älterer Mann stieg ein.
Wir schwiegen eine Weile.
Dann sagte er:
„Genießen Sie das Leben. Sie sind noch jung.“
Er stieg aus und verschwand in einem dunklen Hauseingang.
Später stieg eine junge Frau ein.
„Warum fahren Sie Taxi?“, fragte sie.
„Sie sind doch noch jung. Feiern Sie!“
Sie zahlte im Licht einer Leuchtreklame und verschwand in
einer Diskothek.
Ich war noch jung.
Und dachte, ich hätte alle Zeit der Welt.
Wenige Jahre später, ich arbeitete längst in einem schicken Büro, griff ein Schlaganfall mir ins Steuer. Meine Karriere fuhr mit Vollgas gegen die Wand. Ich überlebte nur knapp.
Ich hatte gearbeitet, als gäbe es kein Morgen.
Und plötzlich stand ich da – schwerbehindert.
Erst viel später fielen mir die Taxifahrten wieder ein.
Gut gemeinte Sätze:
„Sie sind noch jung.“
Rückblickend weiß ich:
Mir sollte nicht mehr viel Zeit zum Jungsein bleiben. Das Leben beginnt nicht immer dann, wenn wir glauben, am Ziel zu sein.
Manchmal stoppt es vorher – und prellt die Zeche.
Danke für den Reminder, Taxi Khaled. 🚕