01 Mein Leben danach

Meine späte Erkenntnis aus dem 3. Getränk

Artikelbild Meine späte Erkenntnis aus dem 3.Getränk

Meine späte Erkenntnis aus dem 3. Getränk

Freitagabend, 20 Uhr – ich sitze bei einem Blind Date. Von meiner Behinderung habe ich ihr nichts erzählt.

Sie weiß nur, dass ich in einer Behörde arbeite und das Meer mag.

Ich bin zu spät. Sie sitzt schon drinnen und hat genau gesehen, wie ich in die Bar in Berlin Mitte gehumpelt bin.

Wir haben erst ein paar Worte gewechselt, als sich mein Gegenüber vorlehnt und sagt:

„Was ist mit deinem Bein?“

Innerlich zucke ich zusammen, aber ich bleibe ruhig. „Sieht man das?“ erwidere ich mit einem Grinsen.

Sie ruft den Kellner und bestellte ein zweites Getränk und später ein drittes. Irgendwann sind wir die Letzten im Laden.

Was mir durch den Kopf geht:

1. „Sie bleibt wohl aus Mitleid“
2. „Sie hat jemand ganz anderen erwartet“
3. „Sie wird sich nie wieder melden“

Mein Bein steht mir im Weg – wie so oft.

Dabei ist niemand perfekt.

Keiner wird dazu gezwungen, ein Leben lang auf die perfekten äußeren Umstände (den Traumbody, die Traumfrau, den Traumjob etc.) zu warten.

→ Chancenlosigkeit braucht unsere eigenen Ängste und gesellschaftliche Vorurteile.

→ Chancen erfordern unser Selbstvertrauen und den Mut, die Chancen zu ergreifen, die wir „nicht haben“.

Mit einer Behinderung oder einer Beeinträchtigung sind wir es gewohnt, öfters ein „Nein“ zu kassieren.

Und doch bleibt immer die Chance auf ein echtes „Ja“, auf das „dritte Getränk“, das alles verändern kann.

Genau dieses „Ja“ habe ich später bekommen.

Wir haben nach diesem Abend weitergeschrieben, uns wiedergesehen – und eines Tages habe ich sie gefragt, warum sie geblieben ist.

Warum?

„Weil du dir über deine Behinderung weniger Gedanken gemacht hast als ich über meine Frisur.“

Heute sind wir verheiratet.

Es geht viel mehr, als wir manchmal denken.

Wenn wir uns nicht selbst ein Bein stellen.

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