Meine Hoffnung ist zäh wie eine Kanalratte
Meine Hoffnung ist zäh wie eine Kanalratte
„Das war´s“, sagte der Arzt wortwörtlich, als ich wieder aus dem künstlichen Koma erwacht war.
Wie ein Prophet, dem man nicht widersprach, stand er in seinem weißen Kittel neben mir. „Suchen Sie sich schonmal jemanden, der sie wäscht und anzieht.“
Ich lag kraftlos im Krankenhausbett aber in meinem Inneren bäumte sich alles auf. Das konnte es jetzt nicht gewesen sein. Gerade hatte ich mein zweites juristisches Staatsexamen bestanden. Meine Freunde bewarben sich um gute Jobs, feierten Partys, heirateten die Frauen ihres Lebens und mieteten Wohnungen mit Dachterrassen. Meine Postadresse war die Charité Berlin.
Nach der anstrengenden universitären Prüfungsphase stellte mein Hirnstamminfarkt mich vor eine Prüfung, die härter war als alles andere.
Allerdings:
Der Arzt hatte die Rechnung ohne meine Hoffnung gemacht.
Denn diese ist kein zarter Vogel.
Sondern eine Kanalratte.
Dieses Bild hat die US-amerikanische Lyrikerin Caitlin Seida in ihrem Gedicht „Hope Is Not a Bird, Emily, It´s a Sewer Rat“ entworfen.
Das zähe Nagetier hat mir geholfen, niemals aufzugeben und düstere Prognosen nicht einfach hinzunehmen.
Ich habe diese Art Ratte angefüttert. Mit den Pralinen und Keksen, die meine Besucher mir damals ins Krankenhaus mitbrachten und die ich nicht selbst essen konnte, da mein Schluckreflex noch nicht wieder trainiert war.
Versteht mich nicht falsch:
Guter Hoffnung zu sein bedeutet nicht, sich ignorant in falschen Träumen zu verlieren: Es geht darum, die Realitäten anzuerkennen – sich davon aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht lähmen zu lassen. Übrigens auch im Bezug auf die aktuelle Weltlage und den medialen Dauerstrom schlechter Nachrichten.
Meine Hoffnung ist jedenfalls zäh.
Sie wird getreten, geschlagen und verjagt wie eine Kanalratte.
Aber sie überlebt.