Mein Leben ist Zucker
Mein Leben ist Zucker
Es gibt Dinge, an denen man sofort sieht, dass das Leben plötzlich nicht mehr ist wie vorher. Bei mir ist es ein großes Glas.
Früher bin ich viel gereist. Und hielt es für eine gute Idee, aus aller Welt Zuckertütchen mitzubringen.
Sucre auf Französisch.
Azúcar auf Spanisch.
Zucchero auf Italienisch.
Açúcar auf Portugiesisch.
Die kleinen Tütchen waren meine Reiseerinnerung. Ein Espresso in Rom, ein Frühstück in Rio de Janeiro, ein Café au lait in Paris.
Mit 29 Jahren kam der Schlaganfall. Mein Radius wurde klein. Zunächst war ich ziemlich froh, überhaupt wieder selbstständig bis zum Badezimmer zu kommen. Für einen Mann, der gewohnt war, Ländergrenzen eher als organisatorische Frage zu betrachten, war das eine bemerkenswerte neue Definition von Aufbruch.
Das große Glas leerte sich. Tütchen für Tütchen. Espresso für Espresso.
Bis irgendwann meine Freunde anfingen, die Sache zu übernehmen.
Sie brachten mir Zuckertütchen von ihren Reisen mit. Aus Ländern,
in denen ich nie gewesen war.
Und irgendwann fiel mir auf: Das Glas leerte sich nicht mehr.
Früher erzählte jedes Tütchen, wo ich gewesen war.
Heute erzählt es mir, wer an mich gedacht hat.
Vielleicht ist das eine der merkwürdigen Lektionen nach dem Stroke: Manchmal reicht mein Radius bis ans andere Ende der Welt. Dorthin, wo jemand nach dem Bezahlen noch kurz innehält und ein kleines Zuckertütchen einsteckt.
Ich bin längst nicht mehr überall.
Aber mein Espresso hat Weltniveau. Und meine Freunde auch.
Sie füllen das Glas nicht nur mit Zucker, sondern auch mit der Gewissheit, dass ich Teil ihres Lebens bleibe – egal, wie weit sie reisen.