Mein Abschied vom halbleeren Glas
Mein Abschied vom halbleeren Glas
Ich hätte besser die Kliniktasche gepackt. Die verderblichen Sachen aus dem Kühlschrank geräumt. Und meiner Freundin gesagt, dass ich sie liebe.
Stattdessen überlege ich, ob ich genug Visitenkarten im Sakko habe. Ob ich noch ein drittes Schnittchen nehmen soll. Ob der Minister mich wohl bemerkt hat.
Es ist einer dieser typischen Empfänge im politischen Betrieb: Stehtische mit weißen Decken, Smalltalk in Dauerschleife. Die Kellnerin schwebt mit einem Tablett Sektflöten vorbei.
Und ich mittendrin – jung, ehrgeizig, voller Energie.
Ein Blick ins Glas: halbleer.
Was ich nicht weiß: Das ist das letzte Mal, dass ich so denke.
Am nächsten Tag serviert mir das Leben einen Hirnstamminfarkt.
Seitdem bin ich behindert.
Und gezwungen, die Perspektive zu wechseln:
Mein Glas ist jetzt immer halbvoll.
Nicht aus Naivität.
Nicht aus Pflichtoptimismus.
Sondern aus der Erfahrung heraus, dass jeder Tag der letzte sein kann.
Ich kenne beide Welten:
Die, in der wir zwischen Hussen und Häppchen den nächsten Karriereschritt planen. Und die, in der wir lernen, wieder zu atmen, zu schlucken, zu sprechen.
Letzteres bedeutet:
Die Kellnerin kommt nicht mehr vorbei.
Aber ich warte nicht auf sie. Sondern erhebe mein Glas:
„Auf das Leben, das bleibt.“