Ich vermisse mich
Ich vermisse mich
Manchmal denke ich noch an dich: 29 Jahre alt, frischgebackener Anwalt, das 2. Staatsexamen in der Tasche. Du hast Berlin geliebt und das Treiben in der Stadt eingesaugt wie billigen Kneipenrauch.
Die Straßen mit den hohen Häusern waren wie eine Filmkulisse. Deine Schritte waren leicht und schnell.
Ich habe dich ewig nicht gesehen.
Manchmal sitze ich da und frage mich, was wohl aus dir geworden wäre. Wenn dieser eine Tag nicht dazwischengekommen wäre. Wenn die Arterie an deinem Hals nicht gerissen wäre.
Vermutlich hättest du Karriere gemacht. Ein schickes Büro, ein gutes Gehalt. Bestimmt hättest du eine Familie gegründet. Ein Haus im Grünen vielleicht. Ein unbeschwertes, gutes Leben.
Ich vermisse dich, Olaf.
Der Schlaganfall war kein kunstvoller Plot-Twist, sondern das unbarmherzige Rattern einer hängengebliebenen Filmspule. Das Band stoppte mitten in der Vorwärtsbewegung. Jemand hat plötzlich das Licht im Saal angemacht.
Schnitt. Gegenwart.
Ein Garten, das Rascheln von Blättern im Wind, Sonne auf meiner Haut, meine Frau, die Kinder. Ein Job, den ich mag und in der Tasche meines Sakkos steckt ein Schwerbehindertenausweis.
Es ist ein guter Film.
Nur ein anderer als der, für den ich das Ticket gelöst habe.
Die ursprüngliche Version meines Films ist für immer gelöscht. Es gibt keine Kopie im Archiv.
Das Leben schert sich nicht um die Entwürfe, die wir uns nach einem Tag im Büro in feinen Schuhen ausmalen. Manchmal nimmt es von einem Tag auf den anderen eine radikale Wendung. Aber ich habe aufgehört, mich mit dem Regisseur über das Drehbuch zu streiten.
Ich renne dir nicht mehr hinterher, Olaf.