Eine Insel in Berlin
Eine Insel in Berlin
Man hatte Angst vor der Pest. Also baute man außerhalb der Stadtmauern ein Haus für die Kranken. Für die, die man versorgen musste, aber lieber nicht zu nah bei sich haben wollte.
1727 lag die Charité noch vor weit den Toren Berlins.
Ich stelle mir vor, wie damals die Wagen ankamen.
Holzräder im Schlamm.
Das Schnauben der Pferde.
Fiebernde Frauen und Männer unter groben Wolldecken. Menschen, die wussten, dass sie vielleicht nie wieder zurückkehren würden.
Hinter ihnen die Stadt.
Vor ihnen die Charité.
Fast dreihundert Jahre später kam ich ebenfalls dort an.
Jung und mitten im Leben.
Nicht mit einem Pferdewagen, sondern mit Blaulicht.
Man brachte mich direkt auf die Stroke Unit.
Zum Glück lag die Charité nur wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt.
Berlin war inzwischen um sie herumgewachsen.
Aus dem Pesthaus war die Mitte der Stadt geworden. Draußen liefen die Menschen über die Friedrichstraße, telefonierten, kauften Caramel Macchiato und verpassten ihren Bus.
Und doch fühlte es sich genauso an wie damals.
Als läge dieser Ort immer noch außerhalb. Eine Insel. Ein Grenzgebiet.
Auch ich gehörte plötzlich nicht mehr zu den Gesunden.
Heute denke ich manchmal, dass sich in der Charité in fast dreihundert Jahren gar nicht so viel verändert hat. Die Krankheiten sind besser erforscht. Die Geräte sind moderner und die Gebäude viel größer.
Aber noch immer kommen Menschen dort an, die noch bis eben noch glaubten, ihr Leben fest in den Händen zu halten.
Und immer werden dort viele mit der Gewissheit nach Hause entlassen, dass nichts selbstverständlich ist.