Der schwarze Knochen
Der schwarze Knochen
Der Schock kam leise. Er sickerte über Monate in mich hinein. Das Schlimmste im Reha-Zimmer war das Telefon auf meinem Nachtisch. Ein schwarzer Knochen, der mir meine neue Bedeutungslosigkeit spiegelte.
Julia rief nicht an.
Die Leute auf den Fluren redeten von der großen Liebe, die alles übersteht. Frauen saßen mit verweinten Augen auf den Fluren und hielten die Hand ihres Helden.
Julia saß wahrscheinlich in einem Café am Kollwitzplatz.
Zwei Wochen vor meinem Schlaganfall waren wir noch in ihrer Berliner Wohnung. Ich hatte Urlaub genommen, um ihr beim Renovieren zu helfen. Ich weiß noch genau, wie der feuchte Tiefengrund roch, den ich auf die nackten Wände strich.
Ich strich mit rechts, ich strich mit links. Mein Körper funktionierte wie eine gut geölte Maschine. Wir diskutierten über den richtigen Weißton für das Badezimmer. Am Ende kauften wir „Arktisweiß“.
Nach unzähligen Tagen wartete ich immer noch darauf, dass sie durch die Tür trat. Aber sie kam nicht.
Keine Schritte auf dem Linoleum, kein Telefon-Klingeln. Sie schickte keine Nachricht, sie schickte keinen Brief. Sie rief nicht mal meine Eltern an, um zu fragen, wie es mir geht. Sie hatte sich in Luft aufgelöst. Als hätte es die Zeit vorher nie gegeben.
Im deutschen Recht nennt man das den „Wegfall der Geschäftsgrundlage“. Manche Verträge tragen nur, solange die Wirklichkeit dieselbe bleibt.
Am Anfang dachte ich, sie packt den Anblick nicht: Ein junger Mann im Pflegebett. Aber sie meldete sich auch später nie wieder.
Die Wände in ihrer Wohnung waren wahrscheinlich längst fertig gestrichen. Das Arktisweiß deckt verdammt gut. Es überdeckt alles.
Die neue Farbe vernichtet die darunter liegenden Schichten nicht, aber sie sind nicht mehr sichtbar. Das entspricht einer Verjährung im Zivilrecht. Der Anspruch bleibt bestehen. Nur einklagen lässt er sich nicht mehr.
Ich bewegte langsam die Fingerspitzen und schloss die Akte. Sachlich und sauber.
So wie ich es im Studium gelernt hatte.