Der Minister auf dem Berliner WG-Sofa
Der Minister auf dem Berliner WG-Sofa
Ich brauchte einen Trick, um meine Mitbewohner zum Aufräumen zu bringen. Die Lösung: ein Staatsbesuch.
Wir drei waren ein eingeschworenes Team. Ordnung war aber nicht unsere Stärke.
Da war Gunnar. Er hatte gerade seine Ausbildung zum Apotheker absolviert und sammelte erste Job-Erfahrungen. Offensichtlich war er selbst sein bester Kunde. Am Wochenende kam er nie aus seinem Zimmer. „Gute Pillen“ ließen ihn durchschlafen.
Und da war Matthias, der Dauerstudent. Fürstlich bezahlte Informatik-Jobs hielten ihn davon ab, seine Vorlesungen in der Universität zu besuchen. Ich war wegen meines Schlaganfalls und meinem monatelangen Klinikaufenthalt raus aus dem WG-Putzplan und motorisch eingeschränkt.
Chaos war unser Alltag – bis ich sagte:
„Am Dienstag besucht uns Eppelmann.“
Mit diesen Worten elektrisierte ich meine Mitbewohner.
„Rainer Eppelmann?“
Ja, der Rainer Eppelmann – engagierter Bürgerrechtler, letzter Verteidigungsminister der DDR, dann Bundestagsabgeordneter.
Gunnar und Matthias waren zu Wendezeiten in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und konnten es nicht glauben, dass ihr früherer Minister bald auf ihrem Sofa Platz nehmen würde.
Der Grund:
Eppelmann hatte von meiner Kündigung noch im Krankenbett erfahren – veranlasst durch meine damalige Chefin, ebenfalls eine Abgeordnete. Ich war also nicht nur plötzlich Schlaganfallpatient – sondern auch ohne Job. Er wollte helfen. Und ein Zeichen setzen.
💪Mit vereinten Kräften wurde unsere WG generalüberholt:
Armaturen im Badezimmer wurden entkalkt, Zahnpastatuben zugeschraubt, der Teppichboden shampooniert und ein riesiger Berg Schmutzgeschirr beseitigt.
Und tatsächlich – am Dienstag stand Rainer Eppelmann vor unserer Wohnungstür.
Der Besuch lief hervorragend – bis er im Flur auf dem Weg zum WC versehentlich die falsche Tür öffnete: die zu Gunnars Zimmer. Darin: Ein ungemachtes Bett, leere Pizzakartons, Pillenschachteln und ein kaputter Wäscheständer.
Er schloss sie so höflich, als hätte er gerade aus Versehen die falsche Stasi-Akte im Bundesarchiv aufgeschlagen.
Durch Eppelmann öffnete sich noch eine weitere Tür:
Eine neue berufliche Perspektive für mich.
Sie war nicht perfekt. Im Nachhinein betrachtet eher wie ein Blick in Gunnars Zimmer. Aber sie war ein Anfang.
Rainer Eppelmann hatte eines verstanden:
Inklusion heißt nicht Mitleid.
Sondern echte Möglichkeiten.
Sie passiert nicht im Scheinwerferlicht. Nicht in der Theorie.
Sondern irgendwo zwischen Pizzakartons, Pillenschachteln – und wahrer Begegnung.