Der kann nicht mehr
Der kann nicht mehr
„Mikki, wir tragen ihn runter, der kann nicht mehr!“ Dieser Satz hallt früh morgens durch das Treppenhaus des Berliner Altbaus. Ich höre, wie der Sanitäter seinen Kollegen ruft, während schwere Schuhe sich Stufe um Stufe nach oben arbeiten, bis in den vierten Stock. Ein Haus, das viel gesehen hat, aber auf diesen Besuch nicht vorbereitet scheint.
Mir ist schwindelig. Die Welt verliert ihre Konturen, verdoppelt sich und entzieht sich meiner Kontrolle.
„Der ist eigentlich zu jung für einen Schlaganfall“, ruft einer dem anderen zu.
In meinem Kopf taucht der absurde Gedanke auf, sie könnten mich für betrunken halten – ein letzter Versuch, dem Unfassbaren eine vertraute Erklärung zu geben.
In diesem Moment kommt der Nachbar von oben die Treppe herunter, wie so oft, um sich über den Lärm in unserer WG zu beschweren.
Da ist Gunnar, frisch ausgelernter Apothekersohn, offenbar selbst sein bester Kunde. Dank „guter Pillen“ schläft er tagelang durch. Und da ist Matthias, dessen fürstlich bezahlte Informatik-Jobs ihn dauerhaft davon abhalten, seine Vorlesungen an der Universität zu besuchen.
Als der Nachbar die Sanitäter sieht, wie sie mich zum Rettungswagen hinuntertragen, geht er wortlos zurück in seine Wohnung. Manche Auseinandersetzungen erledigen sich ohne Diskussion…
Unzählige Monate später dröhnt laute Musik aus unserer WG. Die „Olaf-ist-wieder-in-Berlin-Party“ ist in vollem Gange. Achtzig Menschen verteilen sich auf drei Zimmer, eine Mischung aus Wiedersehensfreude, Neugier und leichtem Übermut.
In der Küche köchelt mein großer Topf Käse-Hack-Suppe auf dem Herd, unangerührt. Man isst inzwischen vegan. Dafür widmet man sich umso hingebungsvoller dem Genuss alkoholischer Getränke.
Spät am Abend bollert es an der Tür. Ich öffne. Der Nachbar von oben steht davor, um sich zu beschweren. Noch bevor er etwas sagen kann, schallt es ihm aus der Wohnung entgegen: „Olaf ist wieder da!“
Später sehe ich ihn auf unserem WG-Sofa sitzen, müde, versöhnt, betrunken.
Als der Morgen naht und die letzten Gäste gegangen sind, rufe ich Gunnar und Matthias zu:
„Tragt ihn hoch – der kann nicht mehr.“
Am Ende zählt nicht, wer wen eigentlich trägt – oder erträgt.
Alle sind Teil derselben Geschichte.