Das Gebet im Tunnel
Das Gebet im Tunnel
Diese Begegnung bewegt mich bis heute: Als junger Mann stehe ich mit meinem Gehstock auf einem überfüllten Gleis der U-Bahn in Washington D.C.
Plötzlich spricht mich ein fremder Mann an und fragt, ob er für mich beten dürfe.
Ich antworte „Yes, Sir“. Wie freundlich von ihm, denke ich – vermutlich wird er bei einem seiner nächsten Kirchenbesuche an mich denken.
Aber der Mann stellt seine Aktentasche zur Seite und legt mir die Hand auf die Schulter.
Ich hoffe, dass die Bahn jetzt einfährt.
Aber sie kommt nicht.
Dafür kommt das Gebet:
Der Mann holt tief Luft und ruft laut, sodass alle um uns herum es hören können:
„Jesus, this man is whole!”
– „Jesus, dieser Mann ist ein ganzer Mensch.“
Alle starren mich an. Ich spüre die Blicke und möchte im Boden versinken. Mit meiner Gehbehinderung falle ich ohnehin schon auf. Seit meinem Schlaganfall mit 29 laufe ich wie ein 80-jähriger.
Ich bin allen dankbar, die höflich wegblicken.
Aber der Fremde sieht hin.
Und erinnert lautstark daran, worum es wirklich geht.
Ich sehe noch, wie er seine Aktentasche schnappt und in den vollen Waggon steigt. Ich weiche ein paar Schritte zurück und warte lieber auf die nächste Bahn. Instinktiv taste ich in meiner Hosentasche, ob mein Portemonnaie noch da ist.
Doch dann merke ich:
Mir wurde nichts gestohlen.
Sondern eine Weisheit geschenkt:
Jeder Mensch ist „whole“, ein ganzer, vollkommener Mensch.