01 Mein Leben danach

Das Frühstücks-Roulette

Artikelbild Das Frühstücks-Roulette

Das Frühstücks-Roulette

Eine Fortbildung in einer anderen Stadt. Ein großes Hotel mit einem Buffet, das alles verspricht, was der Morgen bereithalten kann: goldene Croissants, weich und blättrig, Pancakes mit Sirup, der in glänzenden Tropfen auf den Tisch fällt und Schalen mit Beeren, die so frisch sind, als seien sie für eine Fotoproduktion gepflückt worden.

Ich bin etwas spät dran – nicht, weil ich etwa zu lange geschlafen hätte.
Wegen meiner Gehbehinderung bin ich einfach langsamer unterwegs.

Ich stehe am Buffet und nehme mir ein Glas Orangensaft mit zu meinem Platz. Nur halbvoll, denn mit meinem holprigen Gang verschütte ich sonst etwas.

Ich stelle den Saft auf den Tisch und drehe mich um, um mir ein Croissant zu holen.

Es vergehen zwei Minuten, vielleicht drei.

Als ich zurückkomme, ist der Orangensaft verschwunden. Abgeräumt. Verschwunden in der Effizienz dieses Hauses, das so viele Gäste gleichzeitig beherbergt.

Ich lächle. Hole mir einen neuen Saft. Und etwas Marmelade.

Als ich mich wieder setze, fehlt das Croissant.
Der Tisch ist wieder abgeräumt. So, als wäre ich nie da gewesen.

Ein kurzer Moment des Innehaltens.

Dann hole ich mir also ein neues Croissant. Und nehme den Orangensaft und die Marmelade diesmal mit.

Rundherum summt der Frühstücksraum wie eine kleine Fabrik der Geschäftigkeit. Teller klirren, Stimmen murmeln, Besteck klappert im Takt der Frühaufsteher. Alles läuft reibungslos – nur ich nicht.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich den Cappuccino vergessen habe.

In diesem Moment steht ein Kellner neben mir und fragt, ob ich noch etwas trinken will. „Ja, einen Capuccino, bitte!“ Ein kleiner Gewinn, wie die Kugel im Roulette, die schließlich auf ihrem Feld landet.

Manchmal ist das Glück kein großer Wurf, sondern eine kurze menschliche Begegnung.

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