Chicken or beef?
Chicken or beef?
Der Steward schiebt seinen Wagen mit einer beiläufigen Routine durch den engen Gang. Noch drei Reihen.
„Chicken or beef?“
Ich hoffe, es reicht noch für mich.
Der Flug war verspätet und ich habe lange nichts gegessen.
Ich ertappe mich dabei, wie ich auf die Thermoboxen starre.
Plötzlich ist er wieder da, dieser Film:
Vier Monate lang habe ich nichts gegessen nach meinem
Schlaganfall mit Ende 20. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, nicht mehr schlucken, nicht sprechen.
Eines Tages kommt ein Pfleger ins Zimmer, mit einer Thermobox. Er öffnet sie und schaut hinein: „Was ist das denn? Das kann ja keiner essen.“ Er schließt die Box wieder und geht.
Es riecht nach Hühnchen, Kartoffelbrei, Gemüse.
Ich will ihn aufhalten, aber kann es nicht. Ich höre seine Schritte auf dem Flur, die leiser werden. Im Zimmer bleibt dieser Geruch zurück, als hätte jemand kurz eine Tür geöffnet in ein anderes Leben und sie gleich wieder zugeschlagen.
Ich hätte alles gegessen. Wirklich alles.
Als er zurückkommt, hat er eine neue Box dabei.
Gulasch diesmal. Der Geschmack ist von einer unglaublichen Intensität.
Und trotzdem ist es bis heute nicht das Gulasch, an das ich zurückdenke, sondern an diese erste Box:
Hühnchen, Kartoffelbrei, Gemüse.
Das Essen, das ich nicht bekommen habe. Das zum Sinnbild für alles wurde, was damals unerreichbar weit weg für mich schien.
Der Wagen stoppt eine Reihe vor mir.
„Chicken, please“, sage ich.
Ich nehme die Box, als wäre sie mir gerade erst wieder im Krankenzimmer ausgehändigt worden und halte sie einen Moment zu lange fest.
Für die anderen in der Kabine ist das hier wohl ein mittelmäßiges Flugzeugessen. Für mich ist es das beste 3-Gänge-Menü der Welt.